Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (23).

Drei und zwanzigste Predigt.

Zwölfte Lagerstätte: die Lustgräber.
Fortsetzung.

4 Buch Mosis 11,11-24.

Zuvörderst tritt uns bei Lesung dieses Gebets, dieser Unterredung Mosis mit dem Herrn, die ungemeine Zutraulichkeit und Offenheit entgegen. Er redet wie ein Freund zum Freunde, nicht wie ein Knecht mit seinem Herrn; wie ein Kind zu seinem Vater, nicht wie ein Unterthan zu seinem Gebieter. Finden wir in der Schrift Gebete, die aus dem Unterthänigkeitssinn flossen, wie z.B. das Gebet Abraham’s, wenn er sagt: ach siehe, ich habe mich unterwunden mit dem Herrn zu reden, wiewohl ich Staub und Asche bin; Daniels: ach! siehe, wir liegen vor dir, nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit; u.a.m., so finden wir auch Gebete der größten Offenheit und Unbefangenheit. So gesteht z.B. Jakob ganz unumwunden seines Herzens Empfindung, wenn er zu Gott betet und spricht: ich fürchte mich vor meinem Bruder Esau; und Jonas, wenn er sein Gemüth ganz herausschüttet und sagt: Billig zürne ich bis in den Tod. So schwebt auch über diesem Gebet Mose eine besondere Kindlichkeit und Offenheit, welche gar was süßes ist, und wo die betende Seele gar keinen Rückhalt hat, sondern ganz sich ausschüttet wie sie ist, und sagen darf, was sie will.

So fragt nun Moses: Was bekümmerst du deinen Knecht? Sein Leben will ihm als eine lange, aneinander hängende Kette von Trübsalen vorkommen, wie er sich denn auch im folgenden Kapitel als einen, mehr wie alle andere Menschen, geplagten Mann darstellt. Er scheint geneigt, mit seinem Stammvater Jakob zu sagen: es geht alles über mich. So meint auch David, er sei zu Leiden gemacht und sein Schmerz sei immer vor ihm. Und wie stark sich Hiob und Jeremias ausdrücken, ist bekannt. Und Moses hatte so Unrecht nicht. In seiner zarten Jugend schon schwebte er in Todesgefahr, und wurde nur wie durch ein Wunder daraus errettet. Durch eine gnädige Regierung Gottes, und durch die Dazwischenkunft seiner ältern Schwester Mirjam, ward seine fromme Mutter bei der königlichen Prinzessin, die sich des verlassenen Knäbleins als seine Mutter annahm, Amme, und säugte ihn nicht nur mit ihrer Milch, sondern auch mit dem Worte und den Verheißungen Gottes von dem Samen des Weibes und Abraham’s; pflegte nicht nur seines Leibes, sondern auch seiner Seele, der sie die Erkenntniß und Furcht des einigen wahren Gottes einflößte. Aber wie bedenklich war seine Lage, da er im Glanze des königlichen Hofes leben mußte, und über demselben leicht sein eigentliches Kleinod hätte verlieren können. Wie wird er innerlich über seinen Glauben haben kämpfen müssen, und sich täglich haben erneuern müssen im Geiste seines Gemüths, um die Schmach Christi für größern Reichthum zu achten, als die Schätze Egyptens. Zwar hörte dieser von seinen Umgebungen herbeigeführte, innere Glaubenskampf auf, als er sich genöthigt sah, einen königlichen Hof zu verlassen, wo er ohnehin nicht mehr beliebt, und nun auch nach dem leiblichen Leben gefährtet war. Aber was waren denn Midians Gefilde, was waren seine Beschäftigungen, die in dem einförmigen Weiden der Schafheerden Jethro’s bestanden, für einen Mann von solch einer Erziehung und Lebensart, an den feinsten Luxus gewöhnt, von solchen Kenntnissen, aus solchen Verhältnissen, wo er, - wie man sagt, - Armeen befehligte, - aus einem königlichen Prinzen ein geplagter Schafhirt, und das von seinem blühenden vierzigsten Lebensjahr an bis in sein achtzigstes! Welche – sollte man sagen – tödtende Langeweile für einen Mann, wie diesen! Erhielt sich in seiner Seele der Gedanke: Gott werde Israel durch seine Person Heil geben – mußte ihm dieser Gedanke nicht als eine schwärmerische Einbildung und als ein Gespötte auf sich selbst vorkommen, da er unterdessen ein Achtzigjähriger geworden? Wird er ihn nicht bestritten und gedacht haben: du ehemaliger Prinz und Oberfeldherr mußt eben als Schäfer sterben, und alle deine Gedanken vom Heil Israel durch deine Hand sind nichts als hochmüthige Grillen? – Freilich waren’s das nicht. Aber da er nun Israel aus Egypten und bis in der Wüste hatte, was war es denn nun? – Mühe und Arbeit, wie er im 90. Psalm selber singe. Warum, sagt er, bekümmerst du deinen Knecht? – Was soll es doch bedeuten, daß ich so erbärmlich herhalten muß, und bei mir immer wieder Wolken nach dem Regen kommen? Ist, fragte Hiob, ist meine Kraft denn von Eisen? Andere Leute, sagt Assaph, sind nicht im Unglück wie ich. Ich, spricht ein Anderer, muß sein wie ein Tauber, der nicht hört, und wie ein Fühlloser, auf den man getrost zuschlägt. Ich achte, sagt der Apostel, Gott habe uns als die Allergeringsten dargestellt, als dem Tode übergeben, 1. Kor. 4. Dies warum? wird ohne Zweifel oft gehört. Bald betrifft’s dasjenige, was uns begegnet. Warum soll es denn gerade das Kreuz sein, warum nicht lieber jenes: da könnte es wohl dahin kommen, daß man dächte, wenn Gott mich nur ein wenig lieb hätte, so dünkt mich, würde er mir statt dieses, lieber ein anderes Leiden zusenden. Ganz von allem befreit zu sein – das sei ferne, daß ich das prätendiren wollte. Nein, ich bin bereit, auch meinen Theil zu tragen. Aber warum denn gerade dies? Und doch beweiset ohne Zweifel gerade diese Frage, daß unter allen Kreuzen gerade das Rechte ausgesucht ist. Bald betrifft diese Frage warum? die Umstände, unter welchen uns das Leiden trifft. Warum kommt der Mann gerade in der ohnehin so ängstlichen Nacht, wo Esau im Anzuge war und ringt mit Jakob, oder warum mußte er denn noch des Abends die erschreckende Nachricht bekommen: Esau zeucht dir entgegen mit 400 Mann? Warum mußte gerade einem Apostel der Pfahl in’s Fleisch und der Satans-Engel beigegeben werden, der ihn mit Fäusten in’s Angesicht schlug, - ein Kreuz, das ihm in seiner Amtsführung sehr hinderlich zu sein schien, da es ihn schwach machte, wie er denn den Galatern schreibt, er habe ihnen in Schwachheit des Fleisches das Evangelium geprediget, wobei er zugleich der Anfechtungen gedenket, die er nach dem Fleisch leide, und es dankend anerkennt, daß sie ihn dennoch nicht verachtet hätten. Sie mußten also wohl von der Art sein, daß der Apostel es ihnen so übel nicht hätte nehmen können, wenn sie ihn wirklich drum verachtet hätten. Sie mußten wohl etwas verächtlich machendes mit sich führen. Wäre er nur kein Apostel gewesen, so hätte es hingehen mögen. Aber warum unter diesen Verhältnissen? und alles Bitten um Abwendung vergeblich! Da ist das warum-fragen oft eine Erschwerung der Leiden. Hat Hiob denn nicht Leiden genug, warum müssen seine gelehrten Freunde noch dazu kommen, und machen den Garaus mit ihm. Daß David flüchten muß, daß sein Rath treulos an ihm handelt, laß ich noch hingehen, - aber daß es sein eigener Sohn ist, vor dem er flüchten muß, das ist zu hart! und daß dieser Sohn überdas noch ohne Buße in seinen Sünden stirbt, und er nun noch nicht einmal weinen und klagen darf, das ist mehr als hart. Nicht genug, daß man den Jeremias in eine Grube warf, sie haben auch nach Klagl. 3,54. sein Haupt mit Wasser überschüttet, da sprach er: nun bin ich gar dahin. Kurz, wir haben zu bitten Ursache, daß unsere Flucht nicht im Winter sei, denn unsere Leiden können mit sehr erschwerenden Umständen verpaart gehen. Warum bekümmerst du deinen Knecht? Diese Frage betrifft auch manchmal die Absicht und Zwecke, welche Gott durch Leidenswege erreichen will. Und so können wir auch Mosis Frage nehmen? Was beabsichtigst du doch bei allen den Demüthigungen, welche du über mich kommen lässest? Es ist für ein leidendes Herz eine nicht geringe Stärkung, wenn es die gnädige Absichten erkennt, welche der Herr durch Leiden, die er verhängt, erreichen will, wenn es sie nicht als Strafen, sondern als Besserungsmittel betrachten kann. Freilich belehrt uns das Wort Gottes deutlich und ausführlich genug hierüber, daß der Vater der Geister uns züchtige, und selbst zu nutz, daß wir seine Heiligung erlangen, - aber in den Leiden selbst kann man davon nicht immer den erwünschten Gebrauch und Anwendung machen. Auch zeigt sich der Nutzen nicht immer auf der Stelle, sondern erst später, und zum Theil erst in der Herrlichkeit; und dann ist dieser Nutzen von der Art, daß er unsrer Natur, der dadurch ein schlechter Dienst geschieht, meist übel gefällt, weil man nehmlich kleiner, demüthiger, und vom Vertrauen zu sich selbst ausgeleerter wird. Der Apostel meldet 2. Kor. 1. eine übermäßig große Trübsal, die sie ausstehen mußten in Asia, wo sie über die Maßen und über Macht beschweret wurden, also daß sie sich auch des Lebens erwegten. Der Zweck aber, der dadurch erreicht werden sollte, bestand darin, daß sie nicht auf sich selbst vertraueten, sondern auf den Gott, der die Todten auferwecket; - und im Ganzen trugen sie ihren Schatz in irdenen Gefäßen, auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes, und nicht aus ihnen. Wie könnte aber ein solches Ziel, und wie könnte ein Weg der Natur gefallen, der zu solchem Ziele führt? Die Natur wünscht immer stärker in sich selbst zu werden, und immer weniger nöthig zu haben, auf Gott zu vertrauen, will geschweigen, daß sie sich nicht aus aller Macht sträuben sollte, wenn sie genöthiget werden soll, nicht nur überhaupt auf Gott, sondern auf einen solchen Gott zu vertrauen, der die Todten lebendig macht; da möchte man ausrufen: Das wiederfahre dir nur ja nicht! Doch kann es nach Psalm 83,16. gehen, wo es heißt: Verfolge sie mit deinem Wetter, und erschrecke sie mit deinem Ungewitter, mache ihr Angesicht voller Schande, daß sie – nach deinem Namen fragen müssen. Das Ziel ist gut, der Weg aber schrecklich, und so lange jenes nicht sichtbar hervortritt, sondern man noch auf diesem Wege wankt, wird man freilich fragen: warum bekümmerst du deinen Knecht? Endlich kann es der Seele drückend werden, warum denn gerade sie also gepanzerfegt und geübt wird? Wollte Gott, rief Hiob aus, ihr wäret an meiner Stelle? Dem Assaph saß es sehr übel, warum denn gerade er, und da wollte er sich noch sogar als ein besonders frommer Mann vorkommen. Andere Leute, meinte er, seien nicht im Unglück wie er, und das erschwerte ihm seine Plage, die alle Morgen da war. Aaron, Mirjam, waren so geplaget nicht, warum bekümmerst du denn gerade deinen Knecht also? Die ziehen fröhlich ihre Straße, während mein Weg durch dürre Wüsten geht, wo man oft keinen Ausweg sieht! Da schwebt ein klagendes warum? auf den Lippen. Sollte Gott etwas Besonderes aus mir machen wollen? Aber wäre es nicht verwegen und eigenliebig, also zu denken? Hat er mich weniger lieb, oder soll ich die Trübsale, wie andere ihre Tröstungen, als Zeichen seiner Liebe ansehen, und mich derselben rühmen? Oder sind meine Unarten so hartnäckig, daß ihre Ausrottung auch so scharfe Maßregeln nöthig macht, daß bei mir nach Jes. 28. Dreschwagen und Eggen nöthig sind, da bei andern nur Stäbe und Stecken erfordert werden? Fasse du alles zusammen und bedenke, daß es am Schluß des angeführten Kapitels heißt: sein Rath ist wunderbarlich, aber herrlich führt er’s hinaus.

Moses beklagt sich über seinen schweren Beruf und sagt: wie magst du doch die Last dieses ganzen Volkes auf mich legen, und zu mir sagen: Trage dieses Volk auf deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern geschworen hast? Woher soll ich Fleisch nehmen, daß ich allem diesem Volk gebe. Ich vermag das Volk nicht allein zu tragen. Es ist mir zu schwer. – Der arme Moses! Er wiegt gegeneinander ab sein Werk, das er ausführen soll, und seine Kraft, und da entfällt ihm aller Muth. War das derselbe Moses, der bei einem weit größern Drang der Umstände, da Pharao und das rothe Meer sie drängte, sprach: Fürchtet euch nicht, stehet fest und sehet, welch ein Heil der Herr heute an euch thun wird. Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille seyn? Der nachher sang: Der Herr ist meine Stärke? Es ist, wenn ihr so wollt, derselbe Moses, der bei seinem ersten Beruf nach 2 Mos. 3,11. sagte: wer bin ich, Herr, daß ich zu Pharao gehe, und führe die Kinder Israel aus Egypten, worauf er zur Antwort bekam: Ich will mit dir sein. Jetzt stellt sich das Werk in seiner ganzen Größe ihm gegenüber, und sein Blick auf dasselbe ist von der Art, daß es ihm vorkommt, er müsse es ausführen. Aus dem Verfolg scheint sogar hervorzugehen, als sei sein Auge diesmal so umnebelt, daß es ihm vorkommt, niemand könne es. –

Wir lassen Mosen und bemerken, daß es gut und nöthig sei, das Werk, das uns, besonders als Christen, obliegt, in seiner Größe, Bedeutung und Wichtigkeit scharf in’s Auge zu fassen, und unsere Mittel und Kräfte, die uns zu dessen Ausführung beiwohnen, gehörig auszumessen, woraus ein demüthigender, aber heilsamer Schluß zu machen ist. Laßt uns denn unser Werk, unsere Kraft und Tüchtigkeit dazu, einigermaßen erwägen.

Groß, bedeutend und wichtig ist das Werk, welches zu vollbringen uns, als Christen, obliegt, welches uns bald einleuchten kann, wenn wir uns nur etwas besinnen. Laßt uns nur bedenken, daß es unsere Aufgabe ist, dahin zu gelangen, daß wir dereinst an dem großen Tage des Gerichts unbeschämt vor dem erschrecklichen Richterstuhl Christi bestehen, und von dieser allerhöchsten und letzten entscheidenden Stelle einen erfreulichen Urtheilsspruch vernehmen. Welch ein wichtiges Werk! Laßt uns erwägen, daß es uns obliegt, nicht nur die groben Ausbrüche sündlicher Leidenschaften zu unterdrücken, oder einzelne,, bedeutende Unarten abzulegen, während andere minder bedeutende in uns fortbestehen, sondern daß der ganze alte Mensch sammt seinen Lüsten und Begierden gänzlich ersäuft und getödtet werden muß, also, daß kein Gedanke oder Lust wider irgend ein Gebot Gottes je in uns auch nur aufsteige, will geschweigen, sich einniste und festsetze. Welch eine Aufgabe! Laßt uns bedenken, daß, wenn wir damit fertig wären, doch noch die größere Hälfte zurückbliebe, und nun die Liebe Gottes und des Nächsten gänzlich und so in uns regieren müsse, daß die Nächstenliebe derjenigen Liebe wenigstens gleich stehe, die jeder zu sich selbst hegt, die Gottesliebe aber sie weit übertreffe. Wir müssen zu jeglichem guten Werke geschickt sein, und uns allenthalben als die Diener Gottes erweisen. Großes Werk! Dabei müssen wir nicht vergessen, welche Hindernisse und Schwierigkeiten sich der Ausführung dieses Werks entgegenstellen. – Sollte uns etwa auch die Welt besonders nicht viel mehr machen, und weder ihr Gut noch ihre Lust, weder ihr Spott noch ihr Lob uns sonderlich mehr rühren, wie wollen wir unsere Aufgabe fertig bringen, da wir gerade an und in uns selbst den kräftigsten Widerstand finden? Wie soll ein Lahmer gehen? Das Böse geht ja aus uns selbst heraus. Durch welches Kunststück wollen wir diese Quelle verstopfen oder gar umwandeln, daß sie statt bitter, süß Wasser gibt? Es liegt uns aber ob, uns ein neu Herz zu machen! Nehmen wir nun vollends mit in Betracht, daß uns auch eine unsichtbare aber sehr große Kraft hemmend entgegentritt, eine Kraft, welche bald verblendet, bald reizt und treibt, bald einschläfert und beschwichtigt, und was sie sonst alles aufbieten mag; - daß wir es mit der ganzen erschrecklichen Obrigkeit der Finsterniß aufnehmen und sie besiegen müssen, - was dünkt uns dann zu unserm Werk?

Wir sollen uns aber die Größe desselben nicht verhehlen, sondern sitzen und überschlagen zuvor die Kosten zu diesem großen Bau und Werk, ob und wie wir’s ausführen mögen. Sind wir demselben gewachsen oder nicht? Wir haben Verstand, Gewissen, Willen. Sind wir dadurch hinlänglich gerüstet? Versuche es. Versuch’ es mit allem Ernst. Schaffe dein selbst Seligkeit mit Furcht und Zittern. Ringe danach, durch die Pforte einzudringen. Thue dem Himmelreich Gewalt, und reiß es an dich. Säume nicht, sondern greif hurtig und entschieden das Werk an. Zauderst du und magst dich dazu nicht begeben, so haben wir dir auch nichts darüber zu sagen, ob du aus dir selbst allein dies Werk bestreiten kannst oder nicht. Du sollst es aber, das bleibt gewiß. Es bleibt für deine Rechnung stehen, und wehe dir, wenn du es nicht fertig bringst. - Moses sah das ganze Werk als ihm aufgetragen an. Aber er erklärt: es ist mir zu schwer. Ich vermag es nicht. So war’s aber auch gemeint. Auf den Punkt der Unmöglichkeit seiner Seits sollte es geführt werden, und ward wirklich bis auf diesen Punkt geführt. Ich vermag es allein nicht, spricht er. Und so wird’s auch bei allen ernstlichen Christen herauskommen, die nicht blos Hörer und Schwätzer, sondern Thäter des Worts sein wollen.

Doch werden diese dabei nicht stehen bleiben, sondern dies wird sie kräftiglich zu dem treiben, der uns stärken und mächtig machen kann; daß sie nicht blos sagen: ich vermag es nicht, - sondern vielmehr: ich vermag alles, ich überwinde alles. Denn es gibt ein Volk, das in einem Athem und mit gleicher Wahrheit sagt: ich bin schwach, aber wenn ich schwach bin, so bin ich stark. Haben sie die Kraft nicht in ihnen selbst, so haben sie sie in einem andern, und sind stark durch fremde Kraft, stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke.

Der geplagte Moses macht’s, wie man es machen soll: er nimmt mit seinen Plagen seine Zuflucht zum Herrn, und klagt demselben sein ganzes Leid. Er findet auch Erleichterung. Zuerst erleichtert der Herr ihm seine Last dadurch, daß er ihm befiehlt, siebenzig Männer auszuwählen, die er mit seinem Geiste ausrüsten und sie Mosen beiordnen wollte, damit er die ganze Last nicht allein tragen dürfe. Der Herr ist der rechte Mann, der einem gedrückten Gemüth auf die eine oder andere Weise wenigstens Erleichterung verschaffen kann, wenn er es noch nicht ganz befreien will. Wir finden hier die Zahl siebenzig wieder, die schon einmal bei den Palmbäumen vorgekommen ist. Christus hatte außer den Aposteln auch eben so viel Jünger, welche er aussandte. Wir finden hier auch ein Vorbild der Ausgießung des Heiligen Geistes bei der feierlichen Eröffnung des neuen Testaments über die Apostel, und durch sie über viele tausend andere. .Es wurde an den siebenzig Männern sehr sichtbar, daß ihnen der Geist mitgetheilt worden war, denn sie fingen an zu weissagen und hörten nicht auf. Wer Christi Geist nicht hat, ist auch nicht sein; wo er aber hinkommt, da wirkt er eine deutlich merkbare Veränderung. Man kann sagen, er hebe an zu weissagen. Freilich nicht in so fern, als er anhübe, zukünftige Dinge vorhersagen zu wollen, sondern in so fern er von sich selbst und göttlichen Dingen auf eine dem Wort gemäße Weise zu reden anhebt, und zugleich andere Seelen zu Christo zu führen sucht. Da ist’s denn oft, auch für alte Christen, eine höchst erfreuliche Sache zu sehen und zu hören, wie der neue Wein in den neuen Schläuchen rumort und arbeitet, und den Seelen selbst sind die Sachen, die in ihnen vorgehen, um so überraschender, je neuer und ungewohnter sie ihnen sind. – Wie munter und muthig hört man sie der Welt, der Sünde, dem Teufel den Krieg ankündigen; was wollen sie nicht alles leiden und thun, was ist das für eine Inbrunst der Liebe, für eine Freudigkeit der Hoffnung, für eine Lebendigkeit des Glaubens, für eine Standhaftigkeit der Geduld, was für ein Licht im Worte Gottes, was für eine Einsicht ins Evangelium, was für ein Preisen der Gnade. Es gibt einen natürlichen Frühling. Es gibt auch einen Frühling der Seele, und der entsteht dann, wenn die Gnadensonne in und über derselben aufgeht, mit Heil unter ihren Flügeln.

Von den siebenzig Männern, die angeschrieben waren, blieben zwei im Lager, welche, ich weiß nicht, durch was für Umstände abgehalten, nicht mit den Uebrigen, wie sie doch sollten, vor der Stiftshütte erschienen waren. So viel ist gewiß, sie unterließen es nicht aus böser Meinung. Von dem Geiste, welcher unter die Uebrigen vertheilt wurde, ward deswegen auch ihnen ihr Theil, und sie huben an zu weissagen im Lager. Ihr Name hieß Eldad, Gottesliebe, und Medad, Mäßigung, - zwei Dinge, woran es nicht fehlen darf. Ein Knabe wurde ihre Veränderung an ihnen gewahr und ihr Weissagen, und lief und sagte es Mosi an. Es traf sich, daß Josua, der Diener Mosis, der stets um ihn war, diese Nachricht mit anhörte, und er war gleich mit einem Rathe bereit. Wehre ihnen! rief er Mose zu. Die Eigenliebe war’s, die ihm diesen Rath eingab, und diese seine Eigenliebe suchte ihr Futter in der unvergleichlichen Größe Mosis. Ohne Zweifel bildete er sich nicht wenig, und, wie man hinzusetzen mag, nicht ohne Ursache darauf ein, gleichsam Mosis Schatten zu sein, der ihn überallhin begleitete. Was Mose Ansehen abging, ging auch dem Seinigen ab; denn so ist die Eigenliebe. Sie sucht ihre Vortrefflichkeit durch alle Mittel zu fördern. So wollten Johannes Jünger Jesum aus den nehmlichen Gründen bei ihrem Meister anschwärzen, indem sie sagten: siehe derjenige, den du getauft hast, der tauft, und Jedermann kommt zu ihm. Johannes aber erwiederte: Er muß wachsen. Er muß in eurer Liebe, Werthschätzung und Anhänglichkeit zunehmen, ich aber muß abnehmen. Johannes war also weit entfernt, die eigenliebige, ehrgeizige Gesinnung seiner Jünger zu theilen. Moses war gleichen Sinnes. Freilich kann es nach der Stellung, die jemand einmal einnimmt, eine Versuchung und Leiden mit sich bringen, wenn sein Ansehen, sein Einfluß, seine Wichtigkeit abnimmt, wenn er das nicht mehr gilt, was er sonst galt, und noch wohl immer gelten möchte, da andere an seine Stelle treten. Geschieht das aber bei Personen, die Gnade haben, so sind dies nützliche Uebungen, die sie sehr gelehrt machen.

Moses wieß deswegen die Versuchung, die ihm sein Freund und Diener nahe legte, auf eine heilige Weise zurück. Bist du, sprach er, der Eiferer für mich? Ist es mein Vortheil, mein Ansehen, das du als die Hauptsache betrachtest? Ach! daß alles Volk des Herrn weissagte, und der Herr seinen Geist über sie gäbe! Freilich, welch eine wünschenswerthe Sache! Was gehet darüber, - was kommt ihr gleich. Was läßt sich damit vergleichen? Nichts. Will man der Erde einen allgemeinen Frieden, will man ihr blühenden Handel und Gewerbe, will man einzelnen, das allgemeine Beste bezweckenden, Anstalten, glückliches Gedeihen wünschen, - man thue es. Aber wenn es denn auch geräth, so sind’s irdische Dinge, die nur einen sehr untergeordneten Werth haben, und nicht selten eher schädlich als nützlich sind. Was wäre das aber für eine Heiligkeit und Seligkeit, wenn alles Volk des Herrn weissagte und der Herr seinen Geist über sie gäbe. Welche Erkenntniß, welche Gottseligkeit und Liebe, welcher Friede und Freude würden sich schon auf diese Erde lagern. Dann würde, mit dem 85. Psalm zu reden, Ehre im Lande wohnen, Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Billig macht daher jeder Mosis Worte zu seinem dringenden Gebet, sowohl für sich selbst, als für andere, zumal da der Heilige Geist ja denen zugesagt wird, die ihn darum bitten.

Ach! daß du denn den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerschmölzen wie Wachs. Ach! daß alles Volk des Herrn weissagte, und der Herr seinen Geist über sie gäbe. Amen.